Presse [Evangelisches Medienhaus Stuttgart 18.01.2009]
Musik in der Vesperkirche

„Das ist schön, dass sich hier endlich mal die sozialen Schichten begegnen“ sagt der Mann neben mir. „Ich war letztes Jahr bei jedem Konzert, und es war immer toll.“ Sein lächelndes Gesicht ist umrahmt von einer ausgeblichenen Baseballkappe und einem alten Fanschal. ..
„Die haben auch schon mal die Toccata gespielt!“ flüstert jemand. Dann gehen Jasmin Kolberg und Thomas Gindele an ihre Instrumente, an das Vibraphon und die Orgel. Das Flüstern verstummt. Es wird still in der Vesperkirche.
 
Klänge, erst fein und leise, zart und verträumt.
Später füllen sie die ganze Kirche aus. Wie der Soundtrack eines großen, farbenfrohen Traumes. Besucher schließen die Augen und sind, inmitten vieler Menschen, ganz für sich. Ein Mann mit einem langen Bart döst weg, seine Kumpels sagen hey, wach auf.
Diese Musik lädt ein, zu wandeln, durch die Seele, durch die Gedanken. Deshalb mache auch ich die Augen zu. Und genieße.  
Warum kann Musik einen so berühren? Ist es die Sehnsucht nach dem Schönen und Vollkommenen? Während ich mit geschlossenen Augen lausche, merke ich: es gibt eine Saite in meiner Seele, die wird gerade in Schwingung versetzt. Durch die leisen Töne ebenso wie die mächtigen. Durch die langsamen wie durch die schnellen. Durch die kleinen und die großen, und wie sie alle ineinander gehen. Das merke ich an meiner Gänsehaut, an dem Gefühl von Melancholie und Wehmut, und gleichzeitig einem Gefühl der Freude am Leben.
Bei diesen Klängen fällt es meinen Gedanken leicht, durch Erinnerungen, durch Gefühltes und Erlebtes und Gedachtes, spazieren zu gehen. 
 
Ich öffne meine Augen wieder. Viele haben ihre noch geschlossen. Die junge Frau am Vibraphon, Jasmin Kolberg, hält vier Schlägel in den Händen, bewegt sich im Rhythmus der Musik, die trainierten Arme treffen jedes Ziel sicher.
„Ich konnte meine Augen gar nicht von ihren Händen abwenden“, sagt ein Besucher später. Ihr schwarzes Kleid glitzert im schwachen Licht.
 
Ein selbstkomponiertes Lied von ihr heißt „Insomnia“, Schlaflosigkeit. Eine Vertonung des Schlummerns, des Einschlafen-Wollens und dabei Gestört-Werdens. Melancholische Klänge, tiefe, hohe, schön klingende und dissonante.
 
Zum Weinen schön, wenn die Musik Anklang findet in der Seele. So, wie die Musikerin zwischendurch einen Bogen nimmt und die Metallplatten durch das Streichen in Schwingung versetzt.
 
Minuten, oder eine halbe Stunde oder Stunde später, sind die letzten Töne durch die hohe Kirche verklungen, alle Augen wieder geöffnet, Applaus, Zugabe, Applaus, nochmal Applaus.
 
Mein Nachbar mit dem Fußballschal sagt, das sei ja wirklich höchste Perfektion gewesen. „Man kann sich anlehnen, und mit den Gefühlen spielen, in diesen Klangwelten.“ Das war für ihn das Besondere an diesem Konzert. Da ging es ihm also so wie mir, denke ich. 
 

Autor: Dorothee Adrian, Evangelisches Medienhaus Stuttgart

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