Presse [15. April 2004 Fränkische Nachrichten / Kritik im Feuilleton]
Jasmin Kolberg gestaltete mit ihrem Marimbaphon das Bad Mergentheimer Museumskonzert

Dass die Marimba zu den ältesten Musikinstrumenten in der Geschichte der Menschheit überhaupt gehört, sieht man einem modernen Marimbaphon, wie man es beim Museumskonzert im Kapitelsaal des Deutschordenschlosses Bad Mergentheim bewundern durfte, nicht unbedingt an: Ein mächtiges, von vorne tischförmig anzuschauendes, von oben betrachtet sich vom breiten zum schmalen Ende hin verjüngendes Gestell mit 61 massiven Holzplatten, die wie die weißen und schwarzen Tasten des Klaviers versetzt angeordnet sind. Seltsam wirken darunter die metallenen Resonanzröhren, die dazu dienen, den auf den Holzplatten erzeugten Ton noch etwas zu verstärken. Das zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zu seiner jetzigen Form weiterentwickelte, mit vier stoffumwickelten Schlägeln zu spielende Marimbaphon stammt ursprünglich aus Afrika und gehört wie Pauke und Trommel zu den Perkussionsinstrumenten, was natürlich nicht heißt, dass man nicht auch hübsche Melodien und generell nicht nur ansprechende sondern auch anspruchsvolle Musik darauf erzeugen kann.

Dies und noch einiges Interessante mehr erfuhren die Zuhörer von der Marimbistin Jasmin Kolberg, einer jungen, bereits mehrfach ausgezeichneten und international erfolgreichen Virtuosin, die sich mit einem abwechslungsreichen Programm aus zeitgenössischen Kompositionen und Transkriptionen von Werken früherer Meister vorstellte und zwischendurch selbst in die Geschichte und Eigenart ihres Instruments einführte. Vertraute Namen wie Bach, Debussy oder auch die argentinische Tango-Legende Astor Piazzolla waren dabei ebenso vertreten wie Musiker, die sich in den vergangenen Jahrzehnten speziell mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Marimba beschäftigt haben - der französische Percussionist Eric Sammut beispielsweise oder die international bekannte japanische Komponistin Keiko Abe.

Der erste bleibende Eindruck des Abends war die unverwechselbare und faszinierende Klangwirkung dieses Instruments, das im Moment des Ertönens in dieser Umgebung nicht mehr wie ein Fremdkörper wirkte. Dabei schwingt in dem eigenartig gedeckten, naturnahen Klang der Palisanderplatten doch immer noch viel archaisches Schwarzafrika mit, uralte Bilder von Stammesriten und magischen Tänzen. Um so zauberhafter ist die Wirkung, wenn die selbe Klangfarbe mit einem Male dem höfisch abgemessenen Sarabandenschritt einer Bach-Fuge (aus der Sonate g-moll für Violine solo) als Medium dient oder die duftig impressionistischen Klaviergemälde Claude Debussys in einem neuen Licht erscheinen lässt. Mit fünf Oktaven Tonumfang und vier Schlägeln (zwei in jeder Hand) lässt sich schon einiges an musikalischer Komplexität erzielen, und der "kurze" d. h. mit wenig Nachhall versehene Klang der Marimba ermöglicht dazu ein großes Maß an Klarheit und Durchhörbarkeit des Notentextes.

Dass die Virtuosin des Abends, sehr zierlich vor ihrem mächtigen Instrument, über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügt, wurde bald deutlich. Jasmin Kolberg hantierte mit ihren zwischen Daumen und Zeigefinger gehaltenen Schlägeln ähnlich sicher, flink und präzise wie ein Kollege am Piano mit seinen Fingern, und ihre zarten Handgelenke hatten beim ausgiebigen Trillern, Tremolieren, Arpeggieren und gelegentlich sogar Über-Kreuz-Spielen sogar noch mehr zu tun. So etwa in dem Stück "Memories of a Seashore" ("Stranderinnerungen") der Japanerin Keiko Abe, wo der bereits erwähnte Debussy (aber auch Johann-Sebastian Bach) eine teilweise kompositorische Wiederauferstehung erlebten. Unschwer wiederzuerkennen waren aber auch die Griffwechsel des Akkordeons in der melancholischen, atmosphärisch dichten Marimba-Bearbeitung des "Libertango" von Astor Piazzolla.

Rhythmische Versatilität und Präsenz, eine möglichst fein abgestufte Dynamik und flexible Agogik bezeichnen weitere Qualitäten, mit denen man diesem Instrument - wie von Kolberg hier demonstriert - einen faszinierenden Farben- und Ausdrucksreichtum entlocken kann. Dabei prägten sich die hochvirtuosen, rhythmisch und metrisch vertrackten Kompositionen von Eric Sammut, dessen Jazz-Affinität dabei immer wieder deutlich durchbricht, besonders ein, daneben das reizvoll polyrhythmische, teils minimalistisch, teils afrikanisch inspirierte "Ghanaia" von Matthias Schmitt. Und last but not least gab die Spielerin ihrem Publikum auch eine Probe ihrer eigenen Kreativität mit einem kleinen Stück Programmmusik: "Insomnia" - Schlaflosigkeit - war das Werk betitelt, gesetzt für Marimbaphon und vier große Gongs, und wer selbst schon einmal unter diesem Zustand gelitten hat, durfte unter hallenden Gongschlägen und insistierenden Rhythmen die quälende Empfindung der unter der eigenen Schädeldecke pochenden Blutgefäße noch einmal richtig nacherleben. the
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