Presse [November 2004 Gengenbach]
Im Nieselregen bis nach Australien

Einer der Höhepunkte der ausgewählten Konzertreihe der Stadt Gengenbach: Das J. Kolberg Trio (Jasmin Kohlberg, Jürgen Spitschka, Ryo Fukuhara) erfüllte in der Stadthalle den Spätnachmittag mit Klängen aus der Percussion. Der Titel "Animato" hat sich mit seiner musikalischen Begrifflichkeit lustvoll auf die Zuhörer übertragen und sie belebt in den Abend geleitet.
Sie spüren Sand unter Ihren Füßen - feinen, nassen Sand. Unzählige Körner. Muschelscherben. Und das Meer kommt zu Ihnen heran, rauscht an Ihre Füße mit kleinen Schaumkronen. Sie schließen die Augen und nehmen die Bewegung auf. Zuerst gehen Sie langsam und mit Bedacht, dann laufen Sie schneller, das Tosen in der Brust. Laufen immer weiter, rennen und geben sich hin, den Tönen am Meer. Animato.
   Sie öffnen die Augen und sind unter den Zuhörern des J. Kolberg Percussion Trios. Sie kamen aus dem Nieselregen eines Sonntags und schmecken Salz auf Ihrer Zunge.
  Barfuss wie Sie sind, Wind im Haar, lassen Sie sich treiben. Lichterketten. Tanzmusik. Tango auf einem Spätsommerfest. Smalltalk in ungenierter Leichtigkeit. Vielleicht tragen Sie ein kurzes Kleid oder eine Jeans, nehmen einen Drink und werden Teil der Komposition. Leidenschaft. Rhythmus. Animato.
  Der Tanz endet. Das Trio hat Blickkontakt. Leidenschaft wird diszipliniert, ernsthafter Gleichklang. Es ist wie ein zielstrebiger Marsch nach irgendwohin. Die Schlägel sind

nackt. Keine Umwicklungen an deren Enden, die den Ton sanfter machen. Der Ton ist hart und schnell, geht in den Bauch. Flugzeuge im Bauch. Ja, wie Spitschka uns warnte: es würde sich anfühlen wie beim Abheben eines solchen! In den Applaus mischen sich Bravorufe. Animato.
   Es gibt noch Sitzplätze im "Omphalo Centric", dem Zug durch Australien. Nehmen Sie Platz! Die Landschaft ist dörr, der Boden rötlich-staubig. So wie auf den Abbildungen, die Sie einmal gesehen haben in irgendeinem Reisemagazin. Natürlich gibt es Eukalyptusbäume. Haufenweise. Sie waren plötzlich da, wie Erinnerungen an etwas lang Vergessenes. Werden hervorgelockt wie die Marimbaklänge vom Rosenholz des Instruments. Durch eine weiche Berührung, weich und flauschig. Und die australische Landschaft zieht an Ihnen vorüber wie die inneren Bilder. Sie sind eine Klangwelt von Höhen und Tiefen. Der Zug ist das Gefährt der Reisenden. Sich erinnern. Animato.
  Es ist schon eine Weile her. Hungersnot 1984 in Äthiopien. Spitschka und Fukuhara stehen abgewendet, wie in Gedenken

an...-sanft und dunkel erklingt das Spiel der Marimbistin. Der Geist Afrikas, spirituelle Klänge aus einer anderen Welt. Eintauchen - wie zuvor mit einer Fuge von Bach in das 17. Jahrhundert. Stillwerden und Innehalten. Die Hände haben in vertrauter Geste die Schlägel getauscht, gegen helle, muntere Töne. Frohlockend kehrt sich die Stimmung in den Glauben an das Leben. Sie fühlen sich "animato" und wissen: nichts ist unmöglich.
   Das Marimbaphon stammt ursprünglich aus Afrika und ist seiner Klangkonzeption nach das älteste Musikinstrument der Welt. Seine Resonanzkörper bildeten einst Flaschenkürbisse und Lehmgruben. Zu seiner heutigen Größe und Form entwickelte es sich in Amerika. Erst Mitte des 20. Jh. gelangte das Marimba nach Europa. Es unterscheidet sich von anderen xylophonartigen Instrumenten durch den zusätzlich akustischen Verstärker für jeden einzelnen Ton, einer metallenen Röhre. Heute gehört es als Orchesterinstrument selbstverständlich zum Instrumentarium der Percussionisten.

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