Presse [Neue Württembergische Zeitung 28. Februar 2006]
Konzert im alten Schlachthof Sigmaringen

„Marimbista“ Jasmin Kolberg bringt das Holz zum Singen


Sigmaringen – In Costa Rica, Guatemala oder Mexiko würde man sie respektvoll „Marimbista“ nennen. Beim Konzert im Alten Schlachthof wurde sie schlicht als Jasmin Kolberg angekündigt - eine Musikerin, die aus fünf Oktaven ihres Marimbaphon Klassik, Jazz, Tango und moderne Kompositionen herauskitzelt..

„So toll könnte also meine Schrankwand klingen“, werden sich manche Besucher des Schlachthofes gedacht haben, als sie sahen, wie Jasmin Kolberg den 61 Palisanderholzplättchen des Marimbaphons ein Meer des Wohlklangs entlockte, einem Instrument, das hierzulande von spitzen Zungen als „singender Heizkörper“ wegen der metallenen Resonanzröhren bezeichnet werde – was einem wahren Marimbero nur ein Kopfschütteln abringen kann.

Was in ihrem Instrument steckt, das zeigte die Künstlerin in einem Dutzend meist kurzer Stücke, die allerdings voller Herausforderungen stecken – so die „Rotationen“ eins, zwei und vier von Eric Sammut, einer der Koryphäen für Marimbaphon – Kompositionen. Welche technischen Herausforderungen das Instrument stellt, war hier schnell klar: Wer wie Jasmin Kolberg in der Oberliga derer mitspielen möchte, die mit vier Schlägeln gleichzeitig das Instrument bearbeiten, der braucht genau diese „Rotation“ im Handgelenk. Sammut liefert die Etüden dafür, Jasmin Kolberg das nötige musikalische Gespür, das sie sich bereits als Kind erworben hat, das von Musik und Percussions-Instrumenten umgeben war – in der väterlichen Schlaginstrumenten – Werkstatt. Preise bei internationalen Wettbewerben wie „2nd World Marimba Competition“ in Okaya, Musikstudium in Stuttgart, Paris, New York schlagen sich hier nieder.

Besser noch als das Piano zeigt das Marimbaphon die Verbindung von percussiven und melodiösen Elementen, wie sie sonst auf keinem anderen Instrument zu finden sind. Jasmin Kolberg wagt sich noch einen Schritt weiter: Mit der Transkription von Bachs „Fuge aus Sonate g-moll“ für Violine praktizierte sie einen Brückenschlag – der dann leider doch ein wenig zu konstruiert klang im Vergleich zu luftig leichten, dennoch kraftvoll und präzis gespielten Titeln wie Debussys „Dr. Gradus ad Parnassum“ oder aber dem rhythmus-sprühenden „Ghanaia“ von Matthias Schmitt. Gerade in diesem Stück, einem Mosaik aus ghanesischen Rhythmen und adaptierten Melodien, wurde der Ursprung des Marimbaphons deutlich, der nun mal auf dem schwarzen Kontinent liegt. Wer sich erst einmal in dieses hierzulande leider selten als Solo-Instrument gespielte Marimbaphon hineingehört hatte, dem entfaltete sich der reine Musikgenuss auf einem Instrument, das scheinbar für alle Stimmungen geschaffen ist: Zart wie Meeresbrise klingt es bei Stücken wie Keiko Abes „Memories of the Seashore“, mit einem Hauch von anarchischer Freiheit und melodisch voller Reibungen bei der atemberaubenden Bearbeitung von Astor Piazzollas „Libertango“, schmerzhaft schön bei Emmanuel Séjournées „Nancy“ mit seinen regelmäßig pulsierenden Grundtönen, auf denen sich eine Pyramide dennoch schlichter Melodien aufbaute, oder aber in nahezu beängstigender, mystischer Tiefe beim Stück „Insomnia“, von der Interpretin selbst komponiert und dessen einfache Klanglinien sich aus dem Zusammenspiel zwischen burmesischen Gongs, dem Marimbaphon und tellergroßen Metallbecken herauskristallisierten.

Einen Kontrapunkt zur oft etwas zu makellosen Harmonie setzte Jasmin Kolberg mit Kevin Volans Perkussionsstück „Asanga“, das von dem Miteinander und den Gegensätzen zwischen fast spröder moderner Musik und rhythmusprallem afrikanischen und lateinamerikanischem Musikverständnis lebte. Denn dort irgendwo in der Mitte bringt Jasmin Kolberg ihr Instrument zum Klingen – oder besser, „das Holz zum Singen“, wie der Marimbero sagt.

Tobias Wagner

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